Ein trüber Schleier mischte sich in die festlich geschmückten Straßen. Grauer Dunst verhüllte die Nacht vor dem Weihnachtsmorgen. Die Laternen auf der rechten Straßenseite der Old Street flackerten für einige Sekunden einheitlich im Takt. Nur kurze Zeit später schrillte vier Häuserecken weiter im Polizeirevier an der Hartford Street das Telefon. Gale Murphy, der sich im ganzen Bezirk mit seiner draufgängerischen Art einen Namen verschafft hatte, saß gerade mit einer verstört dreinschauenden älteren Dame in einem der Verhörzimmer, lehnte sich seelenruhig in seinem Stuhl zurück und lauschte der hastigen, wild japsenden Stimme von gegenüber. Sein Blick wanderte nach oben an die schlecht verputzte Decke. Während die Stimme tief Luft holte, um neu Anlauf zu nehmen, erwischte sich Murphy dabei, wie er anfing, die Löcher und Unebenheiten im Deckenfirmament zu zählen. Innerlich stellte er eine Mängelliste auf. Als er in den Schubladen an seinem Schreibtisch nach einem Stift und Blatt Papier kramte, um sie aufzuschreiben, stürmte sein Partner zur Tür hinein.
„Murphy!“ unterbrach er die alte Frau, die durch das Klirren der Tür in ihrem Rücken sichtlich aufgeschreckt wurde, „Gerade kam ein Anruf rein. Wir müssen zur Old Street, wahrscheinlich hat wieder irgendein Volldepp Feuer gelegt.“
Murphy erhob sich von seinem unbequemen Stuhl, richtete ein paar vertröstende Worte an die alte Lady vor ihm, die wie angewurzelt sitzen blieb und ihn durch ihre kleinen, runden Brillengläser nur verdutzt anschaute. Als sie endlich widerwillig aufstand und an seinem Partner, der die Tür aufhielt, vorbeihuschte, schnappte sich Murphy seinen schwarzen Ledermantel. Auf dem Weg zum Wagen fragte er seinen Kollegen: „Ist die Feuerwehr schon informiert?“
„Die sind bereits vor Ort, sollten sie zumindest sein.“
„Einen Tag vor Heiligabend so die Leute zu erschrecken, wer denkt sich das nur aus? Wer hat uns eigentlich gerufen?“
„Die Nachbarn. Was ich dich noch fragen wollte: Was machst du eigentlich in den Feiertagen?“
„Nichts Besonderes, warum?“
„Fährst du nicht zu deiner Familie?“
„Nein, ich stehe nicht auf dieses ganze Drumherum, Truthahn essen, Glühwein trinken und das alles. Mein Bruder und seine Kleinen sind total verrückt danach. Ich schicke jedes Jahr Geschenke und rufe am Abend, wenn ich weiß, dass alle zusammen sitzen, kurz bei ihnen durch. Das klingt für dich vielleicht nicht ganz so herzlich und warm, aber das ist unser Brauch. Schon seit einer halben Ewigkeit, ich glaube, seitdem ich von Zuhause ausgezogen bin.“
„Murphy, der Familienmensch – das würde auch nicht wirklich passen“, sein Partner, der am Steuer des Wagens saß, lachte kurz, „Wenn du Lust hast, kannst du mit mir und Marianne zusammen in den Norden fahren. Wir wollen uns dieses Jahr auch etwas ausklinken und die Feiertage gemütlich am Kamin verbringen.“
„Ich werde es mir überlegen.“
Murphy entgegnete seinem Partner diese Floskel, gleichauf wusste er, dass seine Entscheidung längst gefällt war. So etwas wie Weihnachtsvorfreude wollte sich bei ihm auch schon auf Kinderbeinen nie richtig breit machen. In erster Linie lag das wohl daran, dass er ziemlich schnell den wahren Hintergedanken der Konsumindustrie erkannt hatte. Ein ehrlicher Zweck für all die Bräuche wollte sich seinen Augen nie erschließen. Dennoch, das rechnete sich Murphy selbst auch hoch an, gönnte er allen anderen, die in dieser Zeit förmlich aufblühten, ihre Freude. Er sah sich nicht als „Grinch“ des Weihnachtsfests, sondern verachtete vielmehr alldiejenigen, die ihren Mitmenschen die Feiertage vermiesen wollten. Insgeheim hoffte er sogar, dass die meisten Menschen zu Heiligabend bei ihren Familien waren und nicht trostlos, einsam in den eigenen vier Wänden ihr Dasein fristeten. Das hätte ihn in seiner selbst auferlegten Rolle als Außenseiter bestätigt und ihm noch mehr das Siegel „Besonders“ aufgestempelt.
Der Wagen bremste vor einem alten Miethaus, schlitterte auf dem verschmierten Asphalt noch einige Meter und kam kurz hinter dem parkenden Feuerwehrlöschzug zum Stehen. Die Männer in den roten Overalls standen am Eingang zum Haus mit der Nummer 24. Einer der Feuerwehrleute zuckte ratlos mit den Schultern. Murphy schaute, immer noch im Wagen sitzend, hinauf zu den oberen Etagen, konnte aber keinen Rauch entdecken. Sein Partner stieg schon aus, redete mit einem der in Rot gekleideten Herren sowie mit einem Mann im Anzug, der wie aufgebracht mit beiden Händen wild herum gestikulierte. Von den Geschehnissen um ihn herum völlig unbeeindruckt, lief Murphy schnurstracks in das Treppenhaus, bis hoch in den vierten Stock.
Eine Tür am verwinkelsten Ende des Ganges stand sperrangelweit offen. Murphy schätzte, dass es diese Wohnung sein musste und trat über die Schwelle. Von außen war ihm aufgefallen, dass kein Namensschild an der Tür angebracht war. Der schmale Wohnungsflur war vollkommen unmöbliert. Außer einem Badezimmer, das wie geleckt aussah und einer ebenso kahlen Küche gab es nur einen großen Wohnbereich. Dort stand außer einem prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum und einem alten, sehr wacklig wirkenden Schreibtisch ebenfalls kein einziges Möbelstück. Murphy vernahm sofort den typischen Geruch von verbrannten Nadeln, der überall in der Wohnung lag. Der einzige Baum, der dort stand und förmlich ins Auge sprang, schien jedoch noch völlig intakt. Als er zu seinen Füßen hinunter schaute, erkannte er einen kleinen, kreisförmigen Rußfleck, nicht größer als ein Basketball. Murphy bückte sich, um das eingebrannte, tiefschwarze runde Gebilde auf dem abgenutzten Holzdielenboden zu berühren. Der Fleck war ausgekühlt, versprühte aber eine mysteriöse Aura, so dass Murphy kurzzeitig ein kalter Schauder befiel. Er stand wieder auf und begab sich genau in die Mitte des Brandmals. Ohne großes Erstaunen stellte Murphy fest, dass seine Statur den Fleck auf dem knarrenden Holzboden beinahe komplett ausfüllte. In diesem Moment kam sein Partner hinzu, der schnell noch die letzten Notizen auf seinem Papierblock hinterlegte, diesen zusammenklappte und sich zu Murphy hinüber drehte.
„Also“, holte er Schwung, „Der Vermieter meint, dass die Wohnung schon seit mehreren Monaten leer steht. Wahrscheinlich hat sich ein Penner hier breit gemacht, als er die Sirenen gehört hat, ist er vermutlich getürmt.“
„Ich weiß nicht“, erwiderte Murphy skeptisch, „Irgendetwas stimmt hier nicht.“
„Für mich ist der Fall klar: Er hat sich aus Zeitungspapier, Holz oder so ein kleines Feuerchen gemacht, damit ihm warm wird. Der Spuk dürfte jetzt wohl vorbei sein. Den dürften wir so schnell nicht wieder sehen.“
„Welches Feuer? Siehst du irgendwelchen Rauch?“
„Naja, es riecht schon sehr verkohlt hier. Der Rauch ist halt abgezogen.“
„Klar, durch das geschlossene Fenster. Ich meine, wie lange haben wir vom Revier bis hierher gebraucht? Zehn Minuten? Mein Gefühl sagt mir, dass wir hier noch nicht fertig sind.“
„Okay, du kannst dich ja noch ein bisschen umschauen, ich gehe schon runter zum Wagen und fange an den Bericht zu schreiben. Beeil‘ dich aber etwas, Marianne wartet schon auf gepackten Koffern – und denk‘ über mein Angebot nach!“
Murphy stand einige Sekunden lang regungslos in der Mitte des Raumes, der nur durch den eingeschalteten Christbaumschmuck erhellt wurde. Er wandte seinen Blick in alle Ecken des Zimmers, angetrieben von dem unbändigen Willen, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Seine Aufmerksamkeit wurde mehr und mehr auf den alten Schreibtisch aus Buchenholz gelenkt. Murphy schlich ihm förmlich entgegen, je näher er dem Tisch kam, desto klarer und schärfer formten die Silhouetten ein Bild von den Gegenständen, die sich auf ihm befanden. Eine uralte Schreibmaschine mit einem Stapel von beschriebenen Manuskriptblättern türmte sich vor seinen Augen auf. Um den Papierstapel und das antike Gerät hatte sich eine feine Staubschicht auf der Tischplatte abgelegt. Die Tasten der Maschine selbst schienen jedoch blitzblank poliert, die einzelnen Seiten waren fein säuberlich aufeinander gelegt worden. Murphy las die Zeilen des obersten Blattes. „ Das Tagebuch der Wünsche“, stand dort in großen, geschwungenen Buchstaben geschrieben, darunter reihten sich fünf Strophen, jeweils in vier Verse geteilt.
In Ewigkeit gebannt,
Dem Sog der Zeit verschrien,
Tausend Seelen zugewandt,
Ein jeder mein Gehör verliehen.
Von Bitterkeit getränkt,
Und Trauer fest umschlossen,
Ward die Kette weggesprengt,
Durch Tränen vieler, die sie gossen.
In Zeiten mehr als einer,
Durch Welten, Galaxien –
Reiste ich so weit wie keiner,
Nur um dem Morgen zu entfliehen.
Der Welten schönste Träume,
Gedanken und Begehren -
Schaffen diese Zeilen Räume,
Für jene, die nach etwas zehren.
Das Tagebuch der Wünsche,
Geschrieben voller Hoffnung,
Zeigt wie Wunder stets geschehen –
Und welche Wege dorthin gehen.
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